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Geschichte des Judo
Die Entwicklung des Judo
Innerhalb der klassischen japanischen Kampfkünste gab es immer auch
Schulen des Waffenlosen Kampfes, wobei jedoch viele Stilrichtungen nur im
Rahmen von Waffensystemen als Nebenfach gelehrt wurden. Mitte des 19.
Jahrhunderts hatten jedoch verschiedene Stilrichtungen des Ju-Jutsu,
der >> Kunst der Geschmeidigkeit oder Sanftheit <<, die Oberhand über
die Waffensysteme gewonnen. Im Ju-Jutsu, das im Westen als Jiu-Jitsu bekannt
wurde, gab es eine Vielzahl von Griff- und Wurftechniken, Hand- und
Faustschläge, Fußtritte und Atem- Techniken gegen schmerzempfindliche
Punkte.
Zu dieser Zeit begann sich ein junger Mann namens Kano Jigori mit dem
Studium dieser Systeme zu befassen. Wie so viele große Meister des
waffenlosen Kampfes, deren Geschichte uns überliefert ist, war auch Kano ein
kränkliches Kind und hatte sich dem Ju-Jutsu zugewandt, um seine Gesundheit
und körperliche Verfassung zu verbessern. Sein Verdienst war jedoch, daß er
im Ju-Jutsu auch den ethischen Kern der japanischen Kriegertradition
entdeckte. In der Zeit nach 1870 befaßte er sich intensiv mit verschiedenen
klassischen Stilrichtungen des Ju-Jutsu, während er gleichzeitig die
Entwicklungen einer Zeit genau studierte. Er glaubte fest an den kulturellen
Wert der körperlichen und moralischen Ausbildung, die im Ju-Jutsu angestrebt
wurde; es war ihm jedoch klar, daß er zu dessen Verbreitung in der
Meiji-Gesellschaft die lebensgefährlichen Aspekten der Kunst eliminieren und
einen Ausbildungsplan festlegen mußte, der mit dem nationalen
Erziehungssystem im Einklang stand.
Er machte sich mit großem Eifer an die Arbeit, und 1882 war sein neues
System fertig.
Er nannte es Ju-Do, den >>sanften Weg<<.
Die Ursprünge des Judo, das eigentlich eine Ringkunst ist, reicht weit
zurück. Kano erkannte, daß die Wurzeln des Ju-Jutsu in den weichen, inneren
Künsten Chinas lagen, und er versuchte, diesen weichen Aspekt in seiner
neuen Kampfkunst weiterzuentwickeln. Das zentrale Prinzip im Judo ist die
mechanische Umwandlung der Kraft des Gegners in der Weise, daß aus dem
Angriff die Niederlage entsteht. Das bedeutet, daß der Jodu-Adept die einem
Angriff, bei dem sich der Gegner auf ihn stürzt, nicht unerschütterlich
stehen bleibt und dem Angriff trotzt. Er wird vielmehr die auf ihn
einwirkende Kraft zu seinem Vorteil ausnutzen, indem er den Gegner faßt,
meist an der Kleidung, ihn zu Boden wirft und dort festlegt.
Diese Grunddiziplinen wurzeln Direkt in der taoistischen Philosophie und
werden in den weichen chinesischen Künsten in die Praxis umgesetzt.
Techniken wie das >>pushing hands<<, die alle T'ai-Chi-Schüler praktizieren,
zielen genau auf jenes Gespür für die einwirkende Kraft und die Flexibilität
in der darauffolgenden Reaktion ab, die den Kern des Judo ausmacht.
Kano hatte diese alten chinesischen Wurzeln erkannt und arbeitete auf ihren
Grundlagen weiter.
In einem Zeitraum von etwa zehn Jahren arbeitete Kano nach und nach ein
Curriculum von Techniken und Lehrmethoden aus, daß er Kodokan-Ju-Do
nannte. Kodokan bedeutet >>der Ort des Weges der Schöpfung<<.
Beinarbeit ist die Basis des Systems. Die beiden Kämpfer, die sich meist
gefaßt haben, schieben und drücken, um einander aus dem Gleichgewicht und zu
Fall zu bringen. Ein gelungener Wurf zählt als ein voller Punkt, jedoch
gehen meist die Schüler in gegenseitiger Umklammerung zu Boden. Dann wird
versucht, einen Armhebel, einen Würgegriff oder einen Festlegegriff
anzusetzen, der fünfundzwanzig Sekunden lang gehaltenwerden muß. In Japan
wurden traditionell die Würgrgriffe so lange durchgehalten, bis der Gegner
bewußtlos war; es besteht jedoch die Möglichkeit der Aufgabe.
Fortgeschrittene Schüler werden darin unterwiesen, wie man einen bewußtlos
Gewürgten wieder auf die Beine bringt.
Im Judo-Training liegt der Schwerpunkt auf dem freiem Kampf, wobei es ein
Kämpfer meist mit mehreren Gegnern zu tun hat. Dies führt sehr schnell zu
Erschöpfung. Außerdem lernen die Schüler nach und nach eine Vielzahl von
Würfen und Hebeln sowie Katas, in denen diese Techniken in längeren
Bewegungsfolgen zusammengefaßt sind. Es liegt wohl an dem Fehlen bösartiger
Schläge, Blöcke und Tritte und an dem traditionellen erzieherischen Wert des
Judo, daß sich diese Kampfkunst in Japan so großer Beliebtheit erfreut. Es
wird sowohl von Frauen und Männern ausgeübt. Es ist allerdings ein sehr
anstrengendes Kampfsystem mit hohem Unfallrisiko, bei dem hauptsächlich
Knochenbrüche, Zerrungen und Muskelverletzngen an Bein Rücken und Armen
auftreten.
In einem Punkt unterscheidet sich Judo am Ende des 19.Jahrhunderts deutlich
von den meisten andere Kampfsportsystemen, und zwar in der offenen
Hinwendung zum Wettkampf. Das komplexe System das Kanon für die Ausbildung
und kampfrichterliche Beurteilung von Wettkämpfen entwarf, wurde nach und
nach perfektioniert. Diese Wettbewerbselemente dürfen neben dem
erzieherischen Wert die Grundlage für den Erfolg des Judo im Laufe des
20.Jahrhunderts gewesen sein.
In relativ kurzer Zeit fand Judo in ganz Japan Verbreitung. Bald wurde es an
den Universitäten Populär, und im Jahre 1911 wurde Judo und Kendo an allen
Schulen des Landes Pflichtfach im Rahmen der Leibeserziehung. Seither ist
seine Beliebtheit ungebrochen, wenn man einemmal von der Zeit nach 1945
absieht, als die Ausübung der meisten Kampfsportkünsten in Japan verboten
war.
Kano war einer der großen Pädagogen Japans. Durch seine Festlegung des
Ausbildungsprogrammes auf wissenschaftlicher Basis erhielt Judo eine innere
Kraft und Komplexität, die unter den anderen Budo-Sportarten unserer Zeit
Ihresgleichen sucht. Durch die Kraft seiner Persönlichkeit schuf Kano auch
eine Organisation, die geeignete und erfolgreicher blieb und die Grundlage
dafür war, daß Judo bis heute die erste und einzige aus einer Kampfkunst
hervorgegangenen Sportarten ist, die olympische Disziplin wurde.
Judo ist zweifellos das am weitesten verbreitete und Beliebteste japanische
Kampfsportsystem. In Japan allein gibt es über acht Millionen aktive Judoka,
über drei Millionen weiterer in der übrigen Welt. Die Tatsache, daß sich
Judo in knapp einem Jahrhundert aus einem Kampfsportsystem der Feudalzeit zu
einem nationalen Lehrfach an den Schulen und zu einer olympischen Disziplin
entwickelt hat, zeugt von seiner großen Tiefe und Universalität als
körperliches, intellektuelles und moralisches Erziehungssystem.
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